Turnvater im Retro-Fieber

„Zirkeltraining“ – das Wort ruft schweißtreibende Bilder ins Gedächtnis. Ganz bewusst hat sich Bernd Dörr allerdings für diesen Firmennamen entschieden. Und er könnte treffender nicht sein. Denn Dörr stellt unter dem Namen „Zirkeltraining“ aus gebrauchtem Sportgeräteleder und recycelten Turnmatten Taschen, Accessoires und Möbel her. Seit mehr als zehn Jahren fertigt der Turnvater, wie er genannt wird, Vintage-Einzelstücke, die bereits mehrfach mit nationalen und internationalen Designpreisen ausgezeichnet wurden.

Seine Retrostücke vertreibt er in keinem eigenen Shop. Sie sind aufgrund der geringen Materialverfügbarkeit streng limitiert. Nur bei ausgewählten Händlern – deutschlandweit rund 20 Stück – sind sie zu erwerben. Inzwischen hat Zirkeltraining aber auch im benachbarten Ausland eine wachsende Fangemeinde. Und das ist nachvollziehbar, denn das Gesamtkonzept stimmt einfach.

Dörr lebt seine Idee und den Namen bis ins kleinste Detail: Jedes seiner Produkt erhält einen Anhänger, der wie ein Ausweis funktioniert. Er verrät das Alter der verwendeten Materialien und das Fertigungsdatum. Außerdem enthält er ein altes, reproduziertes Automatenfoto, das Dörr mit 70er-Jahre-Brille im Alter von ca. 15 Jahren zeigt. Mit einem Stempel versehen bekommt der „Taschenausweis“ einen offiziellen Charakter.

Auch bei den Produktnamen bleibt der Turnvater beim Sujet: So gibt es die Geldbörse „Bank“. Eine Sporttaschen-Linie, „neudeutsch“ auch Weekender genannt, trägt den Namen „Co-Trainer“, die Kameratasche läuft unter der Bezeichnung „Sportreporter“. Und auch „Faulenzer“ werden bedient, sie erhalten eine Federtasche mit diesem Namen.

Und selbstverständlich wird (fast) alles verwendet, was die ausrangierten Sportartikel hergeben. Neben dem Leder und dem Mattengummi werden z. B. auch gebrauchte Netze von Handball- und Fußballtoren genutzt. Aus alten Langhanfseilen entstehen Schulterhenkel für die Taschen und aus einem halben Turnerring wird ein aufwendiger Tragegriff hergestellt. Eines der neueren Zirkeltrainig-Produkte besteht aus einem Medizinball. „Er hat uns dazu inspiriert, endlich einen Rucksack zu machen,“ schwärmt Dörr von seiner neuen Muse.

Aber wie begann die Erfolgsgeschichte eigentlich? 2007, ein verregneter Mittwoch: Bei einem Ersatzteilhändler entdeckte Bernd Dörr einen Haufen alter Turnmatten und einige defekte Turngeräte. Vor dem 50er-Jahre-Hinterhof standen sie am Straßenrand bereit für den Sperrmüll. Auf seine neugierige Frage, was es damit auf sich hätte, verwies man ihn auf einen gerade eingezogenen Reparaturbetrieb für Sporthallengeräte. Das alte, von Gebrauchsspuren gezeichnete Leder inspirierte Dörr, daraus Neues zu kreieren. Er versicherte sich, dass er die Reste mitnehmen darf und setzte sich sogleich an die Nähmaschine. Die Idee, Taschen aus alten Sportgeräte-Leder und Turnmatten zu fertigen, war geboren und das Potenzial einer Taschen-Marke mit einem echten sportiven Hintergrund, Emotion und allerlei Erinnerungen bei Jedermann lag auf der Hand. „Unsere Idee basiert auf einem echten Zufallsfund im Sperrmüll – für den langfristigen Erfolg der Marke war dann aber schon viel harte Arbeit nötig“, so Dörr.

Mittlerweile werden ihm die Materialien von den Schulen oft direkt angeboten. Sie melden, wenn alte Geräte ausrangiert werden. Manchmal telefoniert er aber auch wochenlang dem Material hinterher und bekommt es am Ende doch nicht. Trifft die Ware bei ihm ein, wird alles genauestens begutachtet. Wenn das Leder der Böcke oder Pferde zu steif ist, hält es den Belastungen als Tasche zum Beispiel nicht mehr stand. Dann kann es nicht verwendet werden. Ebenso ergeht es Leder, das über den Bock gebogen wurde. Diese geschwungene Form bekommt man, so Dörr, nicht mehr heraus. Für seine Taschen benötigt er gerade und flache Stücke. Die Matten werden vor der Verarbeitung gründlich gereinigt, das Leder bleibt wie es ist. Alles wird konkret für die aufgegebenen Bestellungen zugeschnitten. Dann näht jeweils eine Näherin eine komplette Tasche. Dabei werden für die Sporttaschen, z. B. für das Modell „Sportlehrer“ ca. sechs bis sieben Stunden benötigt, gerechnet von der Ankunft des Materials bis zur fertigen Tasche.

Neben der klassischen Mattenfarbe Blau verarbeitete der Upcycler auch bereits weitere Farben: „Ende 2008 tauchte plötzlich eine grüne Matte auf, von den Braunschweiger Turngeräte-Fabriken. Es trafen auch schon Matten in Bordeaux, Braun, Grau und Verkehrsorange bei uns ein. Auch schwarze Rest-Zuschnitte vom Hersteller der Stuntmen-Matten für die Bavaria Filmstudios haben wir schon erhalten“.

Für eine erneute Teilnahme bei FEINWERK gab es für Dörr einen einfachen Grund: „Weil die Besucher von meinen Produkten und der Idee so begeistert waren.“ Seiner Meinung nach wissen die FEINWERK-Besucher die Dinge – „echte Dinge“ – in besonderer Weise zu schätzen.

Weitere Infos zu Zirkeltraining sind im Ausstellerverzeichnis hier auf der Homepage zu finden.